Einfluss von Blut- und Plasmaspenden auf den Blutdruck

 

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Der Einfluss von Blutspenden auf den Blutdruck

Abbildung 1: Einfluss einer Blutspende auf den Blutdruck Spider-Diagramm zur Visualisierung des Einflusses einer Blutspende auf den systolischen (links) und diastolischen Blutdruck (BD) (rechts). Dieses Diagramm ermöglicht auch Grenzwerte zu identifizieren, ab wann eine Blutspende z.B. Blutdrucksenkungen bewirkt. So kann eine signifikante Blutdruckminderung ab einem Blutdruck von > 135/85 mmHg beobachtet werden. (Bild vergrößern durch Klick)

Jeder dritte Deutsche leidet an Bluthochdruck (Hypertonie). Bluthochdruck ist eine der Hauptursachen für die Entwicklung kardiovaskulärer Erkrankungen (1) und sind mit 30% aller Todesfälle nach wie vor Haupttodesursache weltweit (2). Im Jahr 2008 starben laut WHO allein 17,3 Millionen Menschen an den Folgen von kardiovaskulären Erkrankungen, davon 7,3 Millionen Menschen an koronaren Herzerkrankungen und 6,2 Millionen an Schlaganfall (1). Bluthochdruck tritt bei ca. 50% dieser Fälle auf (3) - Inzidenz weiter steigend (4).

Gerade in der aktuellen sozioökonomischen Entwicklung zeigt sich die Tendenz, dass viele Patienten wegen möglicher Nebenwirkungen ungern pharmakologisch behandelt werden möchten. Aus der KORA Studie ging retrospektiv hervor, dass Personen die regelmäßig Blutspenden hochsignifikant seltener an Herzinfarkten erkranken, als Personen die nicht Blutspenden (5). Allgemein werden regelmäßige Blutspenden mit einer geringeren Inzidenz von kardiologischen Erkrankungen, verbesserten vaskulären Funktionen und allgemein verminderte Risiken von Herzinfarkten assoziiert sind (6-10). Allerdings fehlten bislang evidenzbasierte Daten. Aus diesem Grund wurde von 2012–2014 an der Charité eine nicht-interventionelle Beobachtungsstudie bei Blutspendern mit normalen- und erhöhtem Blutdruck durchgeführt (11). Dabei wurden 146 normotensive und 146 hypertensive Blutspender über einen Zeitraum von bis zu 4 regulären Blutspenden untersucht. Eine Blutdruckminderung war lediglich bei hypertensiven-, nicht jedoch bei normotensiven Blutspendern zu beobachten. Obwohl der genaue Mechanismus bislang unbekannt ist, handelt es sich offensichtlich nicht um ein reinen Volumeneffekt - wie ursprünglich vermutet. Die Blutdruck Minderung hält für mehrere Wochen an.


In Abbildung 1 wurde der Blutdruck vor der Blutspende, der aus 4 automatisierten Blutdruckmessungen gemittelt wurde, aufsteigend sortiert (rote Linie) und mit dem gemittelten Blutdruck innerhalb der ersten 5 Tage (grüne Linie) bzw. der mittlere Blutdruck von Tag 35 bis Tag 55 nach der Blutspende (orangene Linie) verglichen. Allgemein wird der Blutdruck durch eine Blutspende auf ein gesundes Niveau korrigiert. So sehen wir bei Spendern mit niedrigem Blutdruck eher Anhebungen des Blutdrucks (z.B. von systolisch 102 auf 122 mmHg), was klinisch nicht relevant ist. Bei Hypertonikern sehen wir hingegen klinisch-relevante Blutdrucksenkungen (z.B. systolisch von 180 mmHg auf 140 mmHg).

Abbildung 2: Einfluss von Blutspenden auf den Blutdruck 2-dimensionale Darstellung des Einflusses einer Blutspende auf den Blutdruck. (Bild vergrößern durch Klick)

Der Effekt wird deutlicher, wenn die systolischen und diastolischen Blutdruckänderungen individuell 2-dimensional aufgefächert werden (Abbildung 2). Hierbei wurden die Differenzen zwischen den Blutdruck vor der Blutspende und dem mittleren Blutdruck 35 – 55 Tage nach der Blutspende verwendet (Langzeiteffekt). Auf der X-Achse sind die Differenzen des systolischen Blutdrucks, auf der Y-Achse die Differenzen des diastolischen Blutdrucks abgebildet. Jeder Punkt repräsentiert einen individuellen Blutspender. Die 4 Gruppen der Hypertonie (Normotensive, Grad 1-, Grad 2- und Grad 3 Hypertonie) wurden farblich implementiert. Die Mehrheit der Hypertoniker weist systolische und diastolische Blutdruckminderung auf und die Blutdruckminderung ist umso stärker, je höher der Ausgangsblutdruck war.

Blutbanken haben allgemein mit dem Problem der Blutknappheit zu kämpfen. Der Bedarf an Blutprodukten steigt infolge des medizinischen Fortschritts und der erhöhten Lebenserwartung weiter an, während gleichzeitig die Anzahl freiwilliger Blutspender stark Rückläufig ist. Wir haben hiermit einen bislang versteckten Zusammenhang zwischen zwei globalen Gesundheitsproblemen identifiziert und könnten durch „therapeutische Blutspenden“ bei hypertensiven Blutspendern die drohende Blutknappheit in einer Win-Win-Situation abwenden. Schließlich gibt es weltweit mehr als eine Milliarde Hypertoniker die 4-6 Mal im Jahr spenden dürften, der globale Bedarf an Erythrozytenkonzentraten liegt hingegen bei „nur“ 115 Millionen Konserven.    

Zusammen mit Frau Prof. Dr. med. Yvonne Dörffel vom Zentrum für Innere Medizin und Mitglied der Deutschen Hochdruckliga, Prof. Dr. med. Andreas Michalsen (Naturheilkunde, Immanuel Krankenhaus) und Prof. Dr. med. Axel Pruß (komm. Institutsleiter) werden wir zukünftig prospektive, doppelt-verblindete und randomisierte Interventionsstudien durchführen, um zu prüfen, ob sich regelmäßige Blut-  und Plasmaspenden als alternative Behandlungsoption für eine Hypertonie eignen. Im Rahmen der AG-Kamhieh-Milz erfolgen dann Forschungen zur Aufklärung der zugrundeliegenden Mechanismen. 

Weiterführende Informationen erhalten Sie hier.

 

Referenzen:

  1. WorldHealthOrganization, Cardiovascular diseases (CVDs). http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs317/en/ Accessed February 7, 2012.
  2. Atsma, F.; Veldhuizen, I.; de Kort, W.; van Kraaij, M.; Pasker-de Jong, P.; Deinum, J., Hemoglobin level is positively associated with blood pressure in a large cohort of healthy individuals. Hypertension 2012, 60, (4), 936-41.
  3. Lawes, C. M.; Vander Hoorn, S.; Rodgers, A.; International Society of, H., Global burden of blood-pressure-related disease, 2001. Lancet 2008, 371, (9623), 1513-8.
  4. Chobanian, A. V., Mixed messages on blood pressure goals. Hypertension 2011, 57, (6), 1039-40.
  5. Greinacher, A.; Fendrich, K.; Hoffmann, W., Demographic Changes: The Impact for Safe Blood Supply. Transfus Med Hemother 2010, 37, (3), 141-148.
  6. Meyers, D. G.; Jensen, K. C.; Menitove, J. E., A historical cohort study of the effect of lowering body iron through blood donation on incident cardiac events. Transfusion 2002, 42, (9), 1135-9.
  7. Zheng, H.; Cable, R.; Spencer, B.; Votto, N.; Katz, S. D., Iron stores and vascular function in voluntary blood donors. Arterioscler Thromb Vasc Biol 2005, 25, (8), 1577-83.
  8.  Tuomainen, T. P.; Salonen, R.; Nyyssonen, K.; Salonen, J. T., Cohort study of relation between donating blood and risk of myocardial infarction in 2682 men in eastern Finland. Bmj 1997, 314, (7083), 793-4.
  9.  Salonen, J. T.; Tuomainen, T. P.; Salonen, R.; Lakka, T. A.; Nyyssonen, K., Donation of blood is associated with reduced risk of myocardial infarction. The Kuopio Ischaemic Heart Disease Risk Factor Study. Am J Epidemiol 1998, 148, (5), 445-51.
  10. Holsworth, R. E., Jr.; Cho, Y. I.; Weidman, J. J.; Sloop, G. D.; St Cyr, J. A., Cardiovascular benefits of phlebotomy: relationship to changes in hemorheological variables. Perfusion 2014, 29, (2), 102-16.
  11. Kamhieh-Milz, S.; Kamhieh-Milz, J.; Tauchmann, Y.; Ostermann, T.; Shah, Y.; Kalus, U.; Salama, A.; Michalsen, A., Regular blood donation may help in the management of hypertension: an observational study on 292 blood donors. Transfusion 2016, 56, (3), 637-44.